Am 17. Juni 1953 gingen 500.000 Arbeiter gegen das antinationale DDR-Regime auf die Straße. Volkspolizei und Sowjetpanzer schlugen den Generalstreik blutig nieder. Und dennoch wäre es den deutschen Arbeitern beinahe gelungen, die verhaßte DDR aus den Angeln zu heben – und das gegen den Willen der Amerikaner und ihrer BRD-Vasallen.
Noch mit Stalins Segen hatte die »Sozialistische Einheitspartei Deutschlands« (SED) im Juni 1952 beschlossen, für die DDR »den Übergang zum Aufbau des Sozialismus« zu proklamieren: Kollektivierung der Landwirtschaft, weitere Enteignungen in Industrie, Handwerk und Handel. Im Mai 1953 verfügte das Politbüro außerdem eine Erhöhung der Arbeitsnormen um mindestens zehn Prozent bei gleichbleibenden, de facto sogar gesenkten Löhnen, da nun die Prämien für die Übererfüllung der alten Norm entfielen.
Am Montag, den 15. Juni 1953, deutet sich das Drama an, das die DDR erschüttern wird: Auf einer Baustelle unweit der Stalinallee ruht als Protest gegen die neuen Normen die Arbeit. Die Bauarbeiter verfassen einen Brief an Grotewohl, in dem sie fordern, die Erhöhung der Normen sofort rückgängig zu machen. Grotewohl antwortet nicht.
Am 16. Juni 1953 um 9.00 Uhr morgens setzen sich in der Stalinallee Hunderte von Arbeitern langsam in Bewegung zur Stadtmitte, dem Alexanderplatz. Sie haben keinen Sprecher, sie haben keine Vorstellung, wie das alles weitergehen soll. Wenig später ist die Menge, die sich dem Alexanderplatz entgegenschiebt, auf Tausende angeschwollen. Von anderen Baustellen schließen sich Arbeiter an, manche mit Spaten oder Äxten auf der Schulter. Die Passanten staunen, winken, lachen und viele reihen sich ein.
Die Volkspolizisten beschränken sich darauf, den Verkehr umzuleiten, aber viele verdrücken sich auch. Die meisten sind verwirrt: Haben sie nicht den Arbeiter- und Bauernstaat zu schützen? Und da sind sie, die Arbeiter in ihren Maurerkitteln! Die Sprechchöre irritieren sie noch mehr: »Kollegen, reiht euch ein – wir wollen freie Menschen sein! « Das ist nun plötzlich mehr als nur ein Protest gegen überhöhte Normen. 5.000 skandieren nun »Nieder mit den Normen!«, »Freie Wahlen!« Und auch noch: »Rücktritt der Regierung!«
Um 13.30 Uhr nähert sich der Zug der Arbeiter dem »Haus der Ministerien« in der Leipziger Straße. Die Wachtposten der Volkspolizei flüchten sich in die Eingänge und lassen die Gitter herunter. Drinnen tagt der Ministerrat. Keiner zeigt sich. Endlich traut sich um 14.35 Uhr einer. Fritz Selbmann haben sie vorgeschickt, den Minister für Erzbergbau und Hüttenwesen. Mit Pfiffen, Buhrufen und Gelächter wird er überschüttet, als er reden will. Er läßt sich einen Tisch bringen, klettert hinauf und krächzt: »Liebe Kollegen, die Normerhöhung wird geändert!« – »Wir sind nicht deine Kollegen!«, schallt es ihm entgegen. Ein Arbeiter verschafft sich Gehör: »Wir warten jetzt noch eine halbe Stunde auf Grotewohl und Ulbricht – dann rufen wir alle Kollegen für morgen zum Generalstreik auf!« Da ist es zum ersten Mal, das Wort, das den 17. Juni 1953 vorbereitet. Es sind kühne Männer, die sich da exponieren. Aber ein Volkstribun, der ihre Kräfte bündeln und ihnen ein klares Ziel vorgeben könnte, findet sich nicht.
Um 15.00 Uhr ist die Masse auf zehntausend Köpfe angeschwollen, setzt sich aufs Neue in Marsch. »Generalstreik!«, ertönt es immer wieder aus ihrer Mitte, und dann erklingt das alte Kampflied der Arbeiterbewegung: »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!«
Wenig später wird der Beschluß des Politbüros im Ostberliner Radio und überall durch Lautsprecherwagen verkündet: »Die erhöhten Arbeitsnormen werden als unrichtig aufgehoben.« Jetzt lachen sie nur noch. »Grotewohl und Ulbricht abtreten!«, erschallt es immer wieder. Zwei Lautsprecherwagen werden umgeworfen, aus anderen reißen Arbeiter die Volkspolizisten heraus und lassen das Machtwort »Generalstreik!« nun fahrend durch die Straßen dröhnen. Im RIAS, dem populären Radiosender der amerikanischen Hochkommission in Westberlin, sprechen zwei Ostberliner Bauarbeiter vor und bitten den Chefredakteur, sie mit der Parole »Generalstreik« auf den Sender zu lassen. Das wird ihnen abgeschlagen. Denn der Sender RIAS hat von der amerikanischen Hochkommission in Bonn die Weisung erhalten, nicht von »Generalstreik« zu sprechen; stattdessen verbreitet er lediglich die ihm von den Bauarbeitern überreichte Resolution mit den vier Forderungen: Lohnauszahlung nach den alten Normen, Senkung der Lebenshaltungskosten, keine Maßregelung der Streikenden sowie freie und geheime Wahlen!
Am Abend ziehen Gruppen von Arbeitern durch die Ostberliner Straßen, reißen Parteilosungen von den Wänden und brüllen »Generalstreik«.
Und in der BRD? Jakob Kaiser, der Bonner Minister für gesamtdeutsche Fragen, mahnt am späten Abend des 16. Juni 1953 über den RIAS zur Ruhe und Besonnenheit »im Vertrauen auf unsere Solidarität«. An einer tatkräftigen Unterstützung der Arbeiter sind im Westen weder die US-Amerikaner noch ihre Bonner Vasallen interessiert.
Am 17. Juni 1953 beziehen um 4.00 Uhr Sowjetpanzer strategische Positionen in Ostberlin, wohlwissend daß die Amerikaner natürlich nicht eingreifen werden, wenn deutsche Arbeiter zusammengeschossen werden.
Um 6.00 Uhr ist Schichtanfang in den Fabriken, und in vielen beginnt der Tag nicht mit Arbeit, sondern mit Versammlungen und hitzigen Diskussionen. Auf dem Strausberger Platz an der Stalinallee in Ostberlin strömen die Arbeiter aus allen Richtungen zusammen und quellen aus den U-Bahn-Schächten. Bei strömendem Regen setzen sich die Demonstranten um 7.45 Uhr in Bewegung zum Haus der Ministerien. Unblutig durchbrechen sie zwei Sperrketten der Volkspolizei. Auf den Straßen der Innenstadt verstärkt sich das Gedränge. Propagandaplakate werden abgerissen, Funkwagen umgestürzt.
Im Stahlwerk Hennigsdorf nördlich von Berlin haben die Arbeiter um 9.00 Uhr den Streik beschlossen. Mit Stahlsägen öffnen sie die verrammelten Werktore und machen sich auf den zwanzig Kilometer langen Marsch zum Haus der Ministerien, 15.000 Arbeiter, eingehakt, viele mit ihrem Lederschurz.
Inzwischen erreicht die Spitze des Zuges der 15.000 Bauarbeiter das Haus der Ministerien. Von einer dreifachen Kette der Kasernierten Volkspolizei werden sie erwartet. Da befehlen die Offiziere »Knüppel frei! «. Es fließt Blut, sechs Arbeiter werden in Handschellen abgeführt. Mit Wutgeschrei ziehen sich die Demonstranten zurück auf die gegenüberliegenden Trümmerhügel. Sowjetische Panzerspähwagen schieben sich dazwischen. Aber dennoch fliegen Steine in die Fenster des Ministerhauses.
Nun hören die da drin das Toben und Grölen der Menge, auf manchen Schreibtisch knallt ein halber Ziegelstein. Ratlos und deprimiert sind sie alle, die Parteisekretäre, die Referenten, die Offiziere. Einige Altgenossen protestieren gegen die »weiche Linie«. Die Stalinisten wollen auf die Arbeiter schießen lassen.
Die Westberliner Stadtkommandanten proklamieren, es sei ihre Aufgabe, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Westberliner fordern sie auf, sich nicht in die Unruhen in Ostberlin einzumischen. Eine für den Abend geplante Kundgebung der SPD und des Deutschen Gewerkschaftsbundes an der Sektorengrenze wird untersagt.
Um 11.15 ziehen die 15.000 Arbeiter aus Hennigsdorf fröhlich und umjubelt durch den Wedding im Französischen Sektor. Blumen, Orangen, Schokolade, Zigaretten werden ihnen zugeworfen, alle Verkehrsampeln sind auf Grün geschaltet, »Wir grüßen die Freiheitskämpfer von Hennigsdorf«, steht am Bezirksamt.
Alle Großbetriebe Ostberlins sind nun im Streik. Auch die Angestellten zweier Finanzämter marschieren zur Stalinallee. Durch die Innenstadt wälzen sich Zehntausende. Plakate, Transparente, Fahnen werden abgerissen.
Am Brandenburger Tor wogen die Menschenmassen hin und her. Als zwei junge Männer in Schußweite sowjetischer Panzerspähwagen das Tor erklettern, hält die Menge den Atem an. Sie reißen die rote Fahne herunter, das Symbol der Unterwerfung Berlins durch die Rote Armee; unten wird sie zerfetzt und im Triumph verbrannt.
In Magdeburg sind gegen 11.30 Uhr 20.000 Arbeiter in die Stadt gezogen. Sie stürmen das Rathaus, das Polizeipräsidium und eines der beiden Gefängnisse der Stadt, aus dem sie alle 221 Häftlinge befreien. Vor dem anderen, das der Stasi untersteht, entwaffnen sie die Wächter, erschießen mit deren Pistolen drei Volkspolizisten und werden von sowjetischen Soldaten mit scharfen Schüssen verjagt – drei Tote, vierzig Verletzte.
Im Berliner Lustgarten haben sich am Mittag des 17. Juni 1953 über 50.000 versammelt. 15 Panzerspähwagen und 20 schwere Panzer vom Typ T 34 kreisen sie ein. Der Streik hat inzwischen alle volkseigenen Großbetriebe der DDR erfaßt, und in insgesamt 127 Städten sind die Arbeiter auf der Straße. In Merseburg vereinigen sich die beiden mächtigsten Marschkolonnen der Republik: die 20.000 Streikenden der Leunawerke und 12.000 von den nahen Bunawerken. Auf dem Uhlandplatz im Zentrum der Stadt sind bald 100.000 Menschen versammelt. Sie lachen, sie schreien, sie sinken sich weinend in die Arme. Lautsprecherwagen mahnen sie, Privateigentum zu achten und die Besatzungsmacht nicht zu provozieren – sie halten sich daran und stürmen die Parteibüros, das Gefängnis und das Polizeipräsidium.
Um 12.45 Uhr wird von den Kommunisten in Ostberlin der Ausnahmezustand ausgerufen: Ansammlungen von mehr als drei Menschen sind ab 13.00 Uhr verboten, von 21.00 Uhr bis 5.00 Uhr herrscht Ausgangssperre, es gilt das Kriegsrecht. Die Leute hören es mit Bangen, aber keine Menschenansammlung löst sich auf.
Drei sowjetische Divisionen mit 500 Panzern haben inzwischen Ostberlin besetzt; weitere dreizehn Divisionen bereiten sich darauf vor, auch in der Provinz die Macht zurückzuerobern.
Viele der Zehntausende flüchten sich in Hauseingänge und Nebenstraßen, doch die meisten bleiben. »Iwan raus!«, brüllen sie in Wut und Verzweiflung, und ein paar verwegene Jugendliche schleudern Steine auf die Panzer, ja sie erklettern sie, reißen die Antennen ab, hämmern mit Ziegelsteinen aufs Turmluk oder versuchen eine Holzstange ins Kanonenrohr zu schieben. Aus einem von den Streikenden erbeuteten Lautsprecherwagen ertönt auf Russisch der Ruf an die Soldaten der Roten Armee: »Schießt nicht auf deutsche Proletarier!«
Als ein T 34 zurücksetzt, wird ein Schüler von seinen Ketten zermalmt.
Am Brandenburger Tor bilden russische Panzer eine Mauer. Auf dem Potsdamer Platz stellen sich Einsatzkommandos der Westberliner Schutzpolizei ihnen gegenüber auf.
Beim Haus der Ministerien in Ostberlin gelingt es ein paar jungen Männern, einem T 34 einen Balken zwischen die Kettenglieder zu stoßen, so daß er liegen bleibt. 3000 sowjetische Soldaten und 10.000 Schläger der Kasernierten Volkspolizei scheuchen die Demonstranten nun auseinander. Aus deren Reihen tönt es bis zuletzt: »Weg mit Ulbricht! Freie Wahlen!« Und dazu das Deutschlandlied!
Ab 14.00 Uhr machen Rotarmisten und Volkspolizei Jagd auf versprengte Arbeitertrupps und zerschlagen die vielen bis dahin noch nicht aufgelösten Demonstrationen. Wer zögert oder gar protestiert, wird festgenommen, auf Lastwagen verladen, oft mit Fausthieben und Fußtritten, und ins Gefängnis geworfen.
Doch von den »paar Minuten«, die der russische Stadtkommandant Semjonow für die Niederwerfung des Aufstands versprochen hatte, kann keine Rede sein. Geschäfte werden geplündert, Volkspolizisten aus Funkwagen gerissen, zusammengeschlagen, durch Steinwürfe schwer verletzt – noch drei Stunden lang, nachdem der Ausnahmezustand verhängt worden ist.
Um 16.00 Uhr besetzen sowjetische Panzer und 800 Soldaten die Leunawerke. In Ostberlin sind die Gefängnisse schon überfüllt; die Festgenommenen werden in die Keller des Hauses der Ministerien getrieben und in leere Lagerhallen des Schlacht- und Viehhofs. Viele Offiziere der Volkspolizei rächen sich nun für ihre Demütigung, indem sie die Arbeiter mißhandeln.
Ab 21.00 Uhr herrscht das Kriegsrecht in 64 Städten der DDR, die Ausgangssperre tritt in Kraft. Mindestens 51 Demonstranten sind an diesem 17. Juni 1953 erschossen worden – 27 durch die Volkspolizei, 24 von der Roten Armee; 15 in Ostberlin, je 7 in Leipzig und Halle.
Am 18. Juni 1953 herrscht in Ostberlin Grabesstille, auf Havel und Elbe ruht der Verkehr, die meisten Telefonleitungen sind gestört, vor den wenigen geöffneten Lebensmittelläden stehen Schlangen. In Dresden, Chemnitz, Magdeburg wird jedoch weitergestreikt, bei Zeiss in Jena zerschlagen Arbeiter Maschinen. In vielen Fabriken regiert die Rote Armee. Und bei den Militärgerichten beginnen die Erschießungen von »Konterrevolutionären und Rädelsführern«, 18 insgesamt. Hunderte werden in den nächsten Tagen zu Zwangsarbeit in Workuta verurteilt. Zwei Todesurteile verhängt die DDR-Justiz noch in den Wochen danach und rund 1600 Zuchthausstrafen.
Wie viele Menschen sich an diesem Tag im ganzen Land an den Demonstrationen und Streiks beteiligen, ist bis heute unklar. Die Zahlenangaben schwanken zwischen 500.000 und 1,5 Millionen Deutschen. Darüber hinaus gibt es keine genauen Zahlen über alle Todesopfer. Die Angaben bewegen sich zwischen 50 und 125 Toten. Und der Westen, der die Einheit und Freiheit der Deutschen nie wollte, schaute zu. Wie immer.
Quelle: Deutscher Standpunkt







