Die Zeit der Weihnacht ist den germanischen Völkern seit jeher als die hohe Zeit der Erneuerung erschienen. In ihr wendet sich die Sonne zurück in den winterlichen Norden, es beginnt in ersten langsamen Schritten der Weg ins junge Jahr, das bald den Frühling versprechen und dann die gesegnete Reife des Sommers bringen wird. Als später in die germanische Welt das Christentum eindrang, blieben die Vorstellungen von der erneuernden Kraft der Sonnenwende zur Weihnachtszeit so lebendig, daß man die Legenden der neuen Lehre mit ihnen verknüpfte und aus den überkommenen Feiern der Erneuerung ein neugeformtes Fest schuf. Denn die alten Gedanken, daß sich die Welt immer verwandle wie im Jahreslauf die Natur, blieben unzerstört. ….
Die Germanen, und dann in erhöhtem Maße wir Deutsche, haben immer den Glauben an die Erneuerung der Welt im Herzen getragen. Wir fühlten uns jung in jedem Zeitalter unserer Geschichte. So glaubten wir auch immer an das höchste Vorrecht der Jugend, nämlich der Welt einen neuen Auftrieb und neue Schwünge zu reicheren Entwicklungen geben zu müssen. Wenn sich darum der Deutsche zur hohen Feierlichkeit der Weihnacht bekennt und aus den innersten Gründen seines Gemütes die große Macht der Besinnlichkeit heraufsteigen läßt, dann schafft er sich darin das Sinnbild für diesen Glauben an die Erneuerung aller Dinge; und er lebt in dem Bewußtsein, daß ihm ein besonderes Schöpfertum in der Ordnung der Welt aufgetragen sei.
So aber deutet der Deutsche in dieses Fest der Erneuerung nur seine eigene Geschichte hinein. Denn er ist selber als der große Erneuerer durch die Welt gegangen, als der mächtige Verjünger alt gewordener Zustände, aus denen alles Leben entflohen war, und als der entscheidende Verwandler der Erde, dem sie ihre wahrhaft weitertreibenden Gedanken und Leistungen zu verdanken hat. Eineinhalb Jahrtausende lang hat das Volk der Mitte das Gesicht des europäischen Erdteils in seinen bestimmenden Zügen geprägt. Und in jedem einzelnen Zeitalter dieser Entwicklung, das dem alten Bilde Europas neue Umrisse hinzusetzte, so wie jedes werdende Jahr dem Baum einen neuen Lebensring anfügt, ist die erneuernde Kraft immer aus dem europäischen Herzraum heraus in die Epoche gedrungen, hat junge Triebe zum Leben geweckt und die Kräfte der Verwandlung gestärkt wie die aufsteigende Sonne zur Weihnachtszeit, die einen immer neuen Frühling und eine immer neue Ernte verkündet. So setzt schon in den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung die große europäische Geschichte mit einer solchen Bewegung der germanischen Erneuerung ein. Wie aus winterlicher Ruhe erheben sich im germanischen Kerngebiet die unverbrauchten Stämme der germanischen Völkerwanderung und ergießen sich im Laufe mancher Jahrhunderte über den Erdteil hin, der seit langem kein echtes Leben mehr in sich trägt. Das alte Weltreich der Römer war in müde Erstarrung gesunken, seine Provinzen vom Atlantik bis hinüber zum Schwarzen Meer spürten keinen Pulsschlag der römischen Zentrale mehr in ihren Lebensadern. Eishauch des Unterganges lag über dem alten Europa – bis, zum erstenmal in der Geschichte, die verwandelnde und erneuernde Schöpferkraft der Germanen wie ein Föhnsturm über die Erstarrung hinfährt und zum erstenmal das große Wunder der germanischen Erneuerung Wirklichkeit wird. Wohin diese blonden Stämme auch ziehen, von der Nordsee zur Wolga, vom Schwarzen Meer bis zur Straße von Gibraltar, von Jütland nach England und von Spanien nach Nordafrika: überall blühen in den Jahrhunderten der Wanderung gewaltige neue Reiche aus totgeglaubtem Boden, in den wie die wiederkehrende Sonne eine neue Lebenskraft gedrungen ist. Aus germanischem Blut hat sich das tote Europa des Altertums verjüngt. Und alles, was seither in Europa an staatlicher Führungsleistung und kulturellem Schöpferwerk geschah, findet die ältesten Keime in jenen erneuernden Jahrhunderten, die wie eine gesegnete Weihnacht mit lebenerweckendem Geschenk über den Erdteil zogen und ihm den Odem künftiger Fruchtbarkeit in die erstarrte Seele hauchten.
Erneuerung aus dem tiefsten Grunde der Welt waren auch die hohen Zeiten des deutschen Mittelalters, in denen wiederum unser Volk dem Erdteil die große Führungsordnung und das Maß der Anschauungen und der Werte gab. Als in jenen Jahrhunderten über dem deutschen Boden das Reich errichtet wurde, das in seinen segnenden Einfluß auch die übrigen Länder Europas hineinzog, gab die germanisch-deutsche Mitte zum zweitenmal der europäischen Welt eine Form, die das reichste künftige Leben in sich speicherte. Kein anderes Volk, nur das deutsche, hat mit solcher Hingabe an der Überzeugung gewirkt, daß den europäischen Nationen ein gemeinsames Schicksal und eine gemeinsame Aufgabe aufgetragen sei. Wir haben damals der Welt zum erstenmal ein Ideal vorgelebt, das auch heute noch nicht erloschen ist und um das sich in den folgenden Jahrhunderten die besten Söhne des Erdteils bemühten. Wie die germanische Völkerwanderung die große Erneuerung Europas vom Volkstum und vom Blut her brachte, so setzte das Reich der Deutschen in den Erdteil den ersten politischen Ordnungskörper hinein, in dessen Schutz das Leben zu bleibender Blüte gedieh und hinter dessen Verteidigungskraft die Werte erwuchsen, die führend sind in der ganzen Welt. Nur weil in jenen Jahrhunderten wir Deutsche Europa politisch führten und wahrten, sättigte sich dieser Erdteil mit einer lebendigen Schöpferkraft, die ihn später die weite Welt unter sein Gesetz stellen ließ. Hütend und kämpfend ging unser Volk durch jenes Zeitalter, und mit jedem Schritt, den es in die Geschichte jener Epoche tat, führte es Kräfte neuer Lebendigkeit mit sich – Zukunft und Erneuerung spendend, weihnachtlich in jenem tiefsten Sinn, der in der Weihnacht das Symbol der Verwandlung zu neuem Leben und neuer Tat begreift.
Und wieder war es, nach neuen Jahrhunderten, ein deutscher Antrieb, der die gesamte Welt zur Auseinandersetzung zwang und die Menschheit wiederum um ein tiefes Erlebnis bereicherte. Als aus dem deutschen Volke die Reformation hervorging, war gewiß ihre erste Folgeerscheinung böser innerer Hader. Und dennoch ist dieser deutschen Erscheinung kein gesittetes Volk der Erde entgangen, jedes wurde von ihrer inneren Gewalt zur Auseinandersetzung aufgerufen, ein Lebensstrom drang in die Welt, der in seiner inneren Mächtigkeit nachwirkt bis auf den heutigen Tag. Im Mittelalter hatte das deutsche Volk den höchsten politischen Begriff verwirklicht: den Gedanken des Reichs, in dem Führung und Verantwortung vereint sind. Nun dachte es die höchsten Begriffe des Einzelmenschen: Freiheit und Selbstverantwortung. Das stürmische Wort von der Freiheit hat in der Folgezeit über manches Jahrhundert geherrscht. Es hat die Völker zu höchsten Leistungen befähigt, wenn diese Volker es im echten alten Sinn verstanden, so wie es in Deutschland ursprünglich gedacht worden war: als eine bewegende Kraft des Herzens, die von dem Gefühl der Selbstverantwortung in klarer Zucht gehalten werden muß. Es hat dann Unheil gebracht, wenn es als Zügellosigkeit gedeutet wurde, die keine Verantwortung mehr anerkennt. Aber es hat immer die Herzen aufs tiefste erschüttert. Ein schöpferisches Zauberwort wurde mit ihm der Welt geschenkt. Und ohne dieses Urwort der deutschen Reformation wäre nichts von alledem denkbar, was in den späteren Jahrhunderten an geistigen und technischen Leistungen, aber auch an politischen und soldatischen Gesinnungen die weißen Völker beherrschte. Eine Weltenwende leitete dieser deutsche Vorgang ein, genau wie die Völkerwanderung eine Weltenwende heraufgeführt und wie das Deutsche Reich des Mittelalters eine Weltzeit überwaltet hatte. Immer sind es die Mächte der deutschen Mitte gewesen, aus denen die Weiterbewegung der Dinge kam; immer war der Vorgang der großen Erneuerung mit dem gleichen Volke verknüpft, das in seiner Weihnacht das tiefe Sinnbild der Erneuerung und der beschenkenden Schöpfungskraft schuf.
Dann traten wir Deutsche mit dem großen Zeitalter unserer Dichtung und unserer Musik vor die Welt. Und wieder erlebte sie darin eines der ewigen deutschen Wunder. Das gleiche Volk, das in der Frühzeit den Erdteil blutlich verjüngt hatte, das dann die größte politische Führungsordnung schuf und danach die Erde mit einer geistig-religiösen Revolution in tiefste Bewegung versetzte, hob nun die Völker mit -seiner Dichtung und seiner Musik in die lautersten Höhen der Schönheit hinauf und erschloß ihnen so einen neuen geheiligten Raum in der Schöpfung der Welt, nachdem es bereits so viele andere führend durchschritten hatte. Die anderen standen vor den verriegelten Türen und warteten, weil sie des Zauberwortes nicht mächtig waren, das ihnen die neue Weite hätte erschließen können. Als die Deutschen es sprachen, wurde die Erde um wieder ein tiefes Erlebnis reicher. In alle Winkel der Welt strömte nunmehr die Lebensmacht ein, die die deutsche Sonnenkraft erweckt hatte, als sie die neue Zeitenwende auslöste. So klein dieses Land der Deutschen im gewaltigen Räume der Erde ist, es erwies sich auch hier als das Kernland, in dem die großen Entscheidungen reifen und das dem Baume der Welt die immer neuen Lebensringe ansetzt. „O heilig Herz der Völker, o Vaterland” – dieses innigste Weisheitswort der Deutschen ist zugleich das geheimnisvollste deutsche Weihnachtswort, weil es das ewige deutsche Erlebnis der Erneuerung durch die schöpferische Herzkraft der Mitte am reinsten beschwört.
Aber in der gleichen Zeit, in der unser Volk der Welt die hohen Wunder seiner Dichtung und seiner Musik schenkte, formte es auch die harte Wirklichkeit des Soldatentums zu einer Vollendung aus, die die Welt zur Nachahmung zwang. Wie die Dichtung Goethes und die Symphonien Beethovens, so verwandelte auch das Heer Friedrichs des Großen und Scharnhorsts die Gedanken der Welt, indem es in die Geschichte ein neues Führungsgebilde setzte, das auf der Erde nicht seinesgleichen hat. Als die großen Gedanken des Soldatentums und der Staatlichkeit in Deutschland neu gedacht und ungeahnt vertieft wurden, trat ein neues Prinzip in die Zeit. Immer schärfer entwickelte unser Volk in diesen Bereichen eine Gesinnung, die zu den großen Leistungen in der Geschichte der Menschheit gehört. Wo immer heute nach einer eisernen Pflicht gelebt und in einem strengen, doch innerlich freien Dienste gestanden wird, wo immer man an die große Freiheit und den Adel des Gehorsams glaubt, wo immer man sich selber hingibt in der freien Bereitschaft für ein höheres Ganzes, überall dort ist das Erbe des deutschen Soldatentums und der deutschen Staatlichkeit als Beispiel lebendig – und es ist nicht das Geringste der unerschöpflichen Güter, die unser Volk der Welt gab.
Ein Brunnen ohne Ende, der hier sein Schöpfertum ausströmt! Erneuerung in jedem Jahrhundert und in jedem Bereich – im Staat und in der Kunst, in der Technik und in der Kultur, in der Macht, im Geist und in der Seele. Immer ging diese deutsche Sonne verjüngend über die Welt, immer verschenkte sie ihren Segen. Immer war Wendezeit, Weihnachtszeit, Erneuerungszeit, wenn der Deutsche in der Geschichte wirkte und sprach. Immer waren wir den andern einen entscheidenden Schritt voraus, weil wir tiefer im innersten Grunde der Welt beheimatet sind.
So ist auch in unserer Epoche wieder eine deutsche Wendezeit angebrochen. Und wieder ist es die Macht einer großen Idee, die von den Deutschen ausgeht und von den anderen die Stellungnahme fordert. Es ist nichts Neues, sondern eine uralte Erfahrung, daß die anderen sich gegen den neuen Gedanken der Deutschen auflehnen mit aller Erbitterung. Aber es ist ebenso eine uralte Gewißheit, daß er sich eines Tages dennoch sein Lebensrecht erkämpft haben wird und daß dann auch die anderen sich vor seiner inneren Macht verneigen, gerade weil er nicht mit dem Anspruch auf Herrschaft vor sie hintrat. Keiner der großen deutschen Gedanken hat sich jemals der übrigen Welt mit Gewalt aufzwingen wollen. Aber sie waren alle so mächtig in ihrer inneren Kraft, daß sie am Ende dennoch die Anerkennung fanden, die ihnen ihr innerer Rang verlieh. Es ist nie ohne bitteres Ringen abgegangen, wenn der ewig-junge Deutsche wieder einen neuen Gedanken gebar, der die übrige Welt aus ihrer trägen, ja toten Ruhe schreckte. Aber wenn die Menschheit nicht zuweilen wieder in Bewegung gerät, erstickt sie an der Last ihrer Gewohnheiten, die dann wie eine eisige Decke über dem drängenden Leben liegen. Wenn die Erde lebendig bleiben soll, muß diese Decke des Todes zuweilen abgeschmolzen werden, und das Volk, das zu diesem Angriff auf die träge Ruhe bestimmt ist, erntet gewiß keinen Dank. Das Schicksal hat gewollt, daß dieses Amt uns Deutschen aufgetragen wurde. Wir haben uns diesem Befehl gebeugt und haben es dabei bitter erfahren, wie schwer es ist, Träger der Unruhe zu sein, die die Schöpfung um ein neues Wegstück weiterbringt. Dennoch zeichnet dieser Auftrag der Vorsehung uns aus.
Es ist gewiß nicht leicht, Volk der Wendezeiten, Weihnachtszeiten, Erneuerungszeiten zu sein. Im Gegenteil, das Bewußtwerden dieses Schicksals verbietet jedem billigen und oberflächlichen Gedanken.
Die Weihnachtszeit ist eine heilige Zeit. Auch die großen Weihnachtszeiten, Wendezeiten, Erneuerungszeiten unserer Geschichte sind heilig. In ihnen zeigt sich unser Volk in seiner reinsten und innerlichsten Gestalt ganz als gehorsamer Träger eines Auftrags. In ihnen zeigt sich das deutsche Volk in jener Gestalt, in der Gott zu ihm spricht.
Übernommen von Alpen Donau




