Zum 81. Todestag von Horst Wessel
“Ich habe mir immer gedacht, daß ich eines Tages mal so ein Ding abkriege. (…) Das ging alles so schnell, ich war gar nicht darauf vorbereitet. Ich saß am Schreibtisch und arbeitete, hörte wie jemand draußen fragte: Ist Horst Wessel da? Ich dachte, das werden Freunde von mir sein, mache die Tür auf, und da haben sie, ohne ein Wort zu sagen, geschossen. Den Knall habe ich noch gehört, habe gespürt, wie das Blut mir so warm aus dem Hals lief, aber das ging alles blitzschnell, sie haben gar nichts gesagt, sondern sind gleich weggelaufen. Ich bin dann wohl ohnmächtig geworden.”
So schildert der SA-Sturmführer Horst Wessel, 22 Jahre alt, mit geschwollener Zunge im Krankenhaus Berlin-Friedrichshain einer ihn behandelnden Krankenschwester seine Erinnerungen an die Bluttat des 14. Januar 1930. Ein politisch motivierter Überfall eines kommunistischen Rollkommandos, der ihn – den Führer des Berliner SA-Sturms 5 – fünf Wochen später sein noch so junges Leben kosten sollte.
Horst Wessel – ein Name, der trotz aller Schmähungen und Verbote bis in unsere heutige Zeit hinüber hallt. Ein Name, der Symbol geworden ist. Symbol für Idealismus, für Opfergeist und jugendlichen Tatendrang. Wer aber war dieser Horst Wessel? Woher kam er? Und warum musste er sterben?
Horst Wessel erblickt am 9. Oktober des Jahres 1907 als Sohn des evangelischen Pastors Dr. Wilhelm Ludwig Wessel und dessen Frau Margarete im westfälischen Bielefeld das Licht der Welt. Als Horst sechs Jahre alt ist, siedelt die Familie nach Berlin über – in die Stadt, die bald schon sein Schicksal werden soll.
Nicht zuletzt durch seinen Vater schon in früher Jugend vaterländisch geprägt, schließt sich der junge Horst Wessel im Jahr 1923 dem DNVP-Jugendverband „Bismarck-Bund“ an und tritt im selben Jahr dem ebenfalls deutschnationalen „Viking-Bund“ bei. Er macht in Berlin sein Abitur und nimmt schließlich im Jahr 1926 mit 19 Jahren ein Studium der Rechtswissenschaften auf.
In diese Zeit fällt auch seine erste Begegnung mit den Ideen des Nationalsozialismus. Er besucht zum ersten Mal Veranstaltungen der 1925 wiedergegründeten NSDAP und wird bald darauf Parteimitglied und Mitglied der SA. In seinem Tagebuch erklärt Horst Wessel: „Die Nationalsozialisten wurden vielfach für eine rechtsradikale, völkische Gruppe gehalten. Ganz mit Unrecht. Vielmehr muß man sie als nationale Sozialisten bezeichnen, mit dem Ton auf Sozialisten. (…) Bismarckbund. Dies war Freude und Vergnügen. Viking, das war Abenteuer, Putschatmosphäre, Soldatenspielerei, wenn schon auf nicht ungefährlichem Untergrund. N.S.D.A.P. aber war politisches Erwachen.“
Horst Wessel hat seine Lebensaufgabe gefunden: Er will die Idee der deutschen Revolution, die er in der Weltanschauung der NSDAP verkörpert sieht und für die er selbst erst kurz zuvor die Augen geöffnet bekommen hat, in die Köpfe und Herzen seiner Volksgenossen tragen. Er will Vorkämpfer sein für einen deutschen Sozialismus, der seinem gepeinigten Volk endlich die ersehnte Freiheit bescheren soll. Diese Vorstellung bestimmt von nun ab sein ganzes Leben. In seinem Tagebuch notiert er über diese Zeit der Weichenstellung: „Mit ganzer Kraft und Rieseneifer habe ich der Partei gedient. Kein Opfer an Zeit, Geld, keine Gefahr, Verhaftung, Schlägerei konnte mich schrecken.“ Sogar sein Studium bricht er im Jahr 1928 ab, um das Leben der einfachen Arbeiter kennenzulernen und direkt im Volk für die nationalsozialistische Idee wirken und werben zu können.
Schnell verschafft sich der glühende Idealist mit dieser aufopferungsvollen Haltung Respekt und Ansehen in Partei und SA. Gerade hier, im roten Berlin, wo die NSDAP sich in täglicher direkter Auseinandersetzung mit den Kommunisten um die Herzen der Arbeiterschaft befindet, werden Kämpfer wie Wessel dringend gebraucht. 1929 ernennt ihn Gauleiter Joseph Goebbels zum Führer des SA-Sturms 5 in Friedrichshain. 1929 erscheint in Goebbels‘ Zeitschrift „Der Angriff“ auch erstmals Wessels Gedicht „Die Fahne hoch!“, das – mit einer alten Seefahrermelodie vertont – bald das wohl bekannteste Lied aus der Zeit des Nationalsozialismus wird.
Auch als SA-Sturmführer leistet Horst Wessel ganze Arbeit: Innerhalb kürzester Zeit entreißt er durch sein rhetorisches Talent, seine Begeisterungsfähigkeit und seine Authentizität einen deutschen Arbeiter nach dem anderen den kommunistischen Fängen und führt sie seinem Berliner SA-Sturm zu. Bis 1930 wächst der Sturm 5 so von ursprünglich 30 auf über 250 Mann an. Sein Erfolgsgeheimnis? „Eine Erkenntnis vor allem war mir sehr wertvoll: Ich versuchte jede politische Richtung zu verstehen, und dabei kam ich dahinter, daß es im roten Lager ebensoviel, vielleicht noch mehr fanatische, opferbereite Idealisten gibt als auf der Gegenseite.“ Diese Idealisten, das ist Horst Wessels feste Überzeugung, gilt es, der marxistischen Irrlehre abspenstig zu machen und sie als glühende Mitstreiter für die Idee der nationalsozialistischen Bewegung zu gewinnen.
Die kommunistische Führung in Berlin tobt. Was fällt diesem Pastorensohn ein, derart dreist in die kommunistischen Herrschaftsbereiche vorzustoßen? Die KPD in Friedrichshain sieht ihre Felle davon schwimmen. Eine „proletarische Abreibung“ soll den frechen Wessel zur Vernunft bringen und ihm einmal gehörig die Leviten lesen.
Dieser weiß natürlich, dass seine agitatorischen Erfolge für die KPD eine offene Kampfansage, ja geradezu einen Affront darstellen. Vor allem, weil die Gegenmaßnahmen der Marxisten bis jetzt alle ins Leere gelaufen sind. Aus Wessels Tagebuch: „Die Schwungkraft der jungen Bewegung war ungeheuer. Am besten läßt sich das an den Übertritten aus dem marxistischen Lager ermessen. Eine Versammlung jagte die andere, eine immer toller und stürmischer als die andere. Rot-Front versuchte dutzende Male zu sprengen: Immer vergeblich. (…) Sieg überall, wo S.A. ins Gefecht ging. Für die Bewegung alles!“
Dennoch ahnt er nichts Böses, als er am 14. Januar auf die vom Treppenhaus in seine Wohnstube schallende Frage „Ist Horst Wessel da?“ die Türe öffnet. Nun geht alles sehr schnell. Die Kommunisten, namentlich der später als Schütze ermittelte Zuhälter und Rotfront-Kämpfer Albrecht „Ali“ Höhler eröffnen sofort das Feuer. Horst Wessel hat keine Zeit zu reagieren. Ins Gesicht getroffen und schwer verwundet taumelt er zurück in die Wohnung und verliert das Bewusstsein, während das bolschewistische Rollkommando die Flucht ergreift.
Als Horst Wessel später, im Krankenhaus Berlin-Friedrichshain wieder zu sich kommt, ist er in Folge der Schussverletzung zunächst nicht in der Lage zu sprechen, sein Zustand sehr ernst. Der Direktor des Krankenhauses erinnert sich im Oktober 1933: „Oberhalb des Mundwinkels ist das Einschußloch, der Oberkiefer ist verletzt, man sieht Knochensplitter und ein Geschoßteil in der Wange. Die Kugel hat die Zunge durchschlagen und ist im Rachen vor dem zweiten Halswirbel stecken geblieben, eine äußerst gefährliche Gegend. Wenn dieser Knochen verletzt war, war der Patient unrettbar verloren. Schon der feinste Sprung in diesem lebenswichtigen Teil mußte zu einem allmählichen Verfall, zu einer Blutvergiftung führen.”
40 Tage lang ringt Horst Wessel verbissen ums Überleben. Zwischenzeitlich scheint es sogar, als würde er sich von dem Attentat erholen können. Seine Mutter, seine Schwester, seine Kameraden – sie alle halten täglich Wacht an seinem Bett. Doch die Befürchtungen des Krankenhausdirektors haben sich bewahrheitet: Horst Wessels Körper zeigt in diesen grauen Februartagen untrügliche Symptome einer Blutvergiftung. Er hat den gierigen Klauen des Todes immer weniger entgegenzusetzen. Die Verletzung des Halswirbels wird ihm schließlich zum unausweichlichen Verhängnis. Am 23. Februar 1930, vor heute genau 81 Jahren, hört Horst Wessels tapferes Herz für immer auf zu schlagen.
Sein Geist jedoch ist auch heute, 81 Jahre später noch lebendig. Sind seine Lieder auch verboten, seine Taten verschmäht und sein Name verleumdet, so ist doch Horst Wessels Idealismus heute im Geheimen Vorbild für eine ganze Generation, die die Fesseln des Zeitgeists abstreift. Eine Generation, die sich befreit von materialistischen Zwängen und die nach vorne schaut, in eine freie Zukunft, deren Gestaltung allein in ihren Händen liegt.

